Deutschland ohne Titel, aber weiter dabei im Konzert der Großen

Sa. 15.09.2012 - 00:00 -- Web Master
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Interview mit Dr. Albert-Hugo Stinnes über den Veteranen-World-Cup 2012 in Oxford

Obwohl England von seiner riesigen Vormachtstellung (WM-Gewinner 2010 aller drei Altersklassen der Hockeyveteranen ab 60 Jahren) bei der jüngsten Auflage des Grand Masters World Cup etwas eingebüßt hat, blieb für die deutschen Nationalmannschaften bei der Weltmeisterschaft 2012 in Oxford kein Titel. Mit den Rängen zwei (Ü65), drei (Ü70) und vier (Ü60) sowie einem sechsten Platz für das zweite Ü60-Team in der Tournament Trophy kehrte die deutsche Delegation von der Insel zurück. hockey.de-Mitarbeiter Uli Meyer sprach mit Dr. Albert-Hugo Stinnes (Foto), dem Präsidenten von „Team Germany Ü60“, über die Bilanz von Oxford und Aufgaben der Zukunft.

Herr Dr. Stinnes, wie fällt Ihr Gesamtfazit zum Abschneiden der drei deutschen Auswahlmannschaften Ü60, Ü65 und Ü70 bei der Veteranen-Weltmeisterschaft 2012?

Stinnes: Wir können sagen, dass Deutschland im Konzert der Großen immer noch sehr qualifiziert mitgewirkt hat. Zu diesen Großen zählen neben uns noch England, Australien und die Niederlande, die ja jeweils eine Altersklasse für sich entschieden haben. Für die Situation im Veteranenhockey jenseits der 60 ist es ganz gut, dass sich die Kräfteverhältnisse etwas verschoben haben, weg von der großen englischen Dominanz der vergangenen zwei WM-Turniere und hin zu mehr Ausgeglichenheit in der Spitze.

Szene aus dem Spiel der Ü60 gegen Schottland.

Enttäuscht, dass es keinen Titel für Deutschland gegeben hat?

Stinnes: Natürlich sind wir alle ein wenig enttäuscht. Seit Leverkusen 2006 haben wir keinen WM-Titel mehr gewinnen können. Der Ehrgeiz, diese Serie zu brechen, war da. Aber alles Bemühen um einen ersten Platz hat nichts geholfen. Das Fehlen wichtiger Leistungsträger sowie einige Verletzungen haben sich doch leider leistungsmindernd ausgewirkt. Ich denke, dass wir mit kompletten Mannschaften noch besser abgeschnitten hätten. Das trifft insbesondere auf die Ü65 zu, die in ihrem Kern ja noch den letzten deutschen WM-Titelträger stellt.

Diese Mannschaft ist trotzdem als einziger deutscher Vertreter ins Finale (1:3 gegen England) eingezogen.

Stinnes: Es hätte hier mit ein wenig mehr Fortune aber auch mehr als der zweite Platz werden können. Das Turnier im Juni in Bra/Italien hat gezeigt, dass unsere Ü65 in voller Montur titelreif gewesen wäre.

Szene aus dem Spiel der Ü65 gegen die Niederlande.

Auch in Ihrer eigenen Mannschaft, der Ü70, gab es Ausfälle.

Stinnes: Ja, leider. Zeitweise fiel fast unsere komplette Stammbesetzung der Abwehrreihe aus. Wir hatten uns ebenfalls Chancen ausgerechnet, da sich die Mannschaft durch das inzwischen lange Zusammenwirken einiger Spieler gut kennt und das Zusammenspiel tatsächlich über Jahre erprobt ist. Wir werden in zwei Jahren einen erneuten Anlauf auf den Titel nehmen. 

Haben die Verletzungsprobleme diesmal eine größere Rolle gespielt als bei früheren Turnieren?

Stinnes: Man könnte geneigt sein, dies anzunehmen. Für mich sind Verletzungen und konditionelle Probleme letztlich aber ein Ergebnis einer mangelhaften individuellen Vorbereitung auf solch ein Turnier mit immerhin sechs Spielen in neun Tagen. Wer da nicht übers ganze Jahr regelmäßig an sich arbeitet, kann bei solch einer Veranstaltung dann nicht mehr mithalten oder fällt sogar aus. Bei mir hat sich in Oxford der Eindruck verfestigt, dass andere Nationen hier mehr machen, konditionell besser vorbereitete Spieler und damit bessere Mannschaften an den Start schicken. Um dem vorsorgend vor Ort entgegen zu wirken, nehmen wir schon seit Jahren unsere eigene Physio einschließlich entsprechenden Equipments mit zu EM und WM, was wir über unseren eigenen Förderverein finanzieren.

Szene aus dem Spiel der Ü70 gegen Südafrika.

Das Teilnehmerfeld in den drei Grand-Masters-Klassen war mit 24 Mannschaften um die Hälfte größer als bei der WM 2010 in Kapstadt. Dazu kamen noch 17 Teams in den Trophy-Wettbewerben dazu. Ist in Oxford dadurch der familiäre Turniercharakter auf der Strecke geblieben?

Stinnes: Nein, gar nicht. Die englischen Ausrichter haben einen hervorragenden Job gemacht. Da  blieben für die rund 800 Teilnehmer kaum Wünsche offen. Der Shuttlebusverkehr zwischen den Unterkünften und der Hockeyanlage klappte bestens, und sogar das Wetter hat mitgespielt. Bis auf einige verregnete Stunden am ersten Turniertag hat fast immer die Sonne geschienen, was ich nicht unbedingt von England erwartet hätte.

Das Turnier in Oxford begann nur wenige Tage nach Abschluss der Olympischen Spiele in London. Gab es viele aus der immerhin rund 85 Personen starken deutschen Delegation, die beides miteinander verbunden haben?

Stinnes: Ein paar wenige haben das gemacht. Aber für die meisten kam es aus zeitlichen und auch finanziellen Gründen nicht in Frage. 

Apropos Geld: Anders als die „richtigen“ Nationalspieler im Jugend- und Aktivenbereich müssen Spieler der Veteranen-Auswahlmannschaften ihre Unternehmungen aus eigener Tasche finanzieren. Wie viel hat beispielsweise der Oxford-Trip jeden Teilnehmer gekostet?

Stinnes: Das ist sicherlich individuell sehr unterschiedlich, auch wenn man bedenkt, dass einige von uns ihre Partnerinnen an dem Unternehmen „Oxford“ haben teilhaben lassen, was wir grundsätzlich sehr begrüßen. Und wenn man die Turnierzeit mit eineinhalb Wochen berücksichtigt, so kann man sich leicht ausmalen, dass dann auch in Oxford die Kosten eines Urlaubs investiert werden mussten. Mitsamt den Vorbereitungsmaßnahmen muss man schon einiges Geld für dieses Hobby aufbringen können. Wie in der Vergangenheit werden wir uns auch in der Zukunft in Einzelfällen bemühen, dass die hohe Kostenbelastung für leistungsstarke Spieler nicht zu einem Argument wird, sich bei uns nicht einbringen zu wollen. 

Erwarten Sie da auch Hilfe durch den Deutschen Hockey-Bund?

Stinnes: Nein, das tun wir nicht, was die Finanzen angeht. Uns ist völlig klar, dass der DHB seinen Etat innerhalb der Hockey-Familie bei der Jugend und den Aktiven einsetzen muss; aber auch wir Veteranen betrachten uns als einen integralen Bestandteil der Hockey-Familie, und insofern ist der DHB auch für uns zuständig. Wenn mal ein Satz nicht benötigter Trikots des A-Kaders für uns abfällt, wie in der Vergangenheit geschehen, ist das schon eine willkommene Hilfe. Mehr als mit finanziellen Mitteln könnte uns der Verband jedoch beim Bemühen unterstützen, die Basis des Seniorenhockeys zu vergrößern. Das ist eine dringende Angelegenheit, denn letztlich spüren wir unsere geringe Breite auch bei den Nationalmannschaften. Die Masse an Spielern, aus denen wir für die Auswahlteams schöpfen können, ist gegenüber unseren internationalen Wettbewerbern einfach zu klein.

Haben Sie konkrete Vorschläge?

Stinnes: Ein Landeswettbewerb, wie es früher der „Silberschild“ war, wäre für die Seniorenszene vielleicht ein hilfreiches Instrument, die spielerische Basis zu erweitern. Wenn das Ganze dann unter der Fahne des DHB liefe, wäre ein seriöser Rahmen gegeben. Es hat hierzu schon erste vorbereitende Gespräche mit der Verbandsspitze gegeben. Auch bei der Suche nach Trainern wäre jede Unterstützung des DHB hilfreich; für eine notwendige Finanzierung entstehender Kosten könnten wir dann wiederum auf unseren Förderverein zur Unterstützung des deutschen Senioren-Hockeys zurückgreifen. Letztlich sind wir uns aber im Klaren darüber, dass vornehmlich Eigeninitiative zur Lösung unserer Probleme gefragt ist; hierzu wird in der Zukunft auch gehören, dass wir mit der Masters-Organisation (Altersbereich Ü40 bis Ü55) geeignete gemeinsame Konzepte erarbeiten müssen.

Was sind die nächsten Projekte für die Ü60, Ü65 und Ü70?

Stinnes: 2013 steht die Europameisterschaften in der Nähe von Antwerpen/Belgien und 2014 die Weltmeisterschaften im Club Kleinzwitserland/Niederlande an, jeweils angelehnt an die in der Nähe stattfindenden EM- und WM-Turniere der Damen und Herren.